Im Gespräch mit der Industrie

Die Rolle von ConTech Startups bei der Digitalisierung - BDBau

Wie mehr Sichtbarkeit für ConTechs die Bauwirtschaft noch stärker auf den Weg in die digitale Zukunft bringt

Startups, die Digitalisierung und die Baubranche: diese Begriffe werden vor allem in letzter Zeit immer wieder gemeinsam thematisiert. Wie sie zusammenhängen und was dieser Zusammenhang aktuell und in Zukunft bedeuten könnte, darüber haben wir mit Roland Riethmüller gesprochen. Er ist unter anderem Gründer vom Bundesverband Digitales Bauwesen e.V., welcher zum Ziel hat, ConTech-Startups mehr Sichtbarkeit zu verschaffen und sie mit den Unternehmen der Branche zu vernetzen. Dass es Construction Technology (ConTech) und Property Technology (PropTech) zu unterscheiden gilt, stellt Riethmüller schon zu Beginn des Gesprächs klar: 

“Natürlich arbeiten beide Disziplinen eng miteinander zusammen und sind auch durchaus miteinander verzahnt. Aber im Wesentlichen sind das völlig unterschiedliche Zielgruppen, zwei völlig unterschiedliche Bereiche.”

Wie lässt sich also ConTech, gerade im Vergleich zu PropTech, definieren? 

ConTech und PropTech

Der Begriff PropTech wurde zeitlich gesehen früher in der Branche eingeführt, weswegen viele bei ConTech erstmal von einer Unterkategorie ausgehen. 

Die Überschneidungen der beiden Bereiche sind eindeutig vorhanden, denn die zugehörigen Tech Unternehmen verfolgen das gleiche Ziel: die Digitalisierung der Arbeitsabläufe rund um Immobilien und Bauwerke. Um sie dennoch zu differenzieren, sollte man sich an den verschiedenen Lebenszyklusphasen von Gebäuden orientieren. Während PropTech die Prozesse der Bestandshaltung mit Gebäudebetrieb, -verwaltung und -verkauf etc. betrifft, bezieht sich ConTech auf die Phasen davor, u. a. die Planung und das Bauen. Auch die Zielgruppen sind zu unterscheiden, sagt der Experte. Er fügt hinzu: 

“Bei ConTech geht es im Prinzip um alles, was den Bau betrifft. Zum Beispiel neue Verfahrenstechnologien, 3D Betondruck, Robotik und so weiter. Natürlich auch das ganze Thema BIM und digitaler Zwilling. Es gibt Hardware, Software und überhaupt sehr innovative Bauprodukte. Die Bandbreite ist sehr groß.” 

Allgemein definiert betrifft ConTech alle Bereiche, die die Bauwirtschaft unterstützen. Um Startups aus diesem Bereich Raum zu geben und ihnen den Einstieg in die Branche zu erleichtern, arbeitet Riethmüller mit dem BDBau daran, die Vernetzung mit Bauunternehmen zu fördern. Dafür hat er unter anderem die Startupmesse “Tech In Construction” und das Online-Pitchevent “digitale Bauwoche” ins Leben gerufen, Veranstaltungen, die ausschließlich für ConTech Startups sind. Seit 2018 sind diese kontinuierlich gewachsen, ein Zeichen, dass sie immer mehr Aufmerksamkeit erhalten. 

Die Digitalisierung an Startups auslagern

Häufig wird thematisiert, dass die Startups eine wichtige Rolle in der Digitalisierung der Baubranche spielen. Viele Unternehmen sind nicht in der Lage, die Ressourcen, die benötigt werden, um so eine Transformation voranzutreiben, bereitzustellen. Mitarbeitende sind in den meisten Fällen ausgebildete Fachkräfte für den Bauprozess, nicht für technologische Prozesse. Riethmüller vergleicht es mit anderen Situationen: 

“Wenn man ein juristisches Problem hat, geht man zum Rechtsanwalt, der kümmert sich darum. Wenn man ein Steuerproblem hat, geht man zum Steuerberater.”

Die Digitalisierung zu Startups auszulagern, bietet in seinen Augen viele Vorteile, denn sie haben das nötige Wissen, die nötige Zeit und einen besseren Zugang zu Technologie. Außerdem bieten sie einen neuen Blickwinkel, da sie nicht aus dem Unternehmen heraus entstanden sind.    

Skepsis gegenüber jungen Tech Unternehmen ist nicht die einzige Herausforderung 

Der Vorteil von nicht aus der Branche heraus entstandenen ConTech Startups ist, dass sie professionell programmierte Lösungen bereitstellen können. Diese werden von den Technologie Experten entwickelt, die den Bauunternehmen oftmals fehlen. Natürlich kann es vorkommen, dass Neueinsteiger die Bauwirtschaft nicht direkt verstehen und umgekehrt nicht direkt verstanden werden. Diese Herausforderung gilt es zu überwinden, um die Vernetzung der verschiedenen Akteure voranzutreiben. Außerdem ist der Begriff Startup für viele alteingesessene Unternehmen nicht gerade vertrauenserweckend, da Zweifel aufkommen, ob sie langfristig bestehen werden. Es besteht die Sorge, Ressourcen zu verlieren, sollten Projekte mit einem Startup scheitern.

Riethmüller bekräftigt, dass die Unternehmen eine gewisse Bereitschaft zeigen müssen, sich auf das Thema einzulassen, und zwar nicht nur nebenbei. 

“Es muss auch in der Geschäftsleitung der Bauunternehmen erkannt werden, dass Digitalisierung eben nicht etwas ist, was man nebenbei noch zusätzlich machen kann, sondern dass man jemanden braucht, der sich auskennt und das Ganze vorantreibt.” 

Gerade KMU finden im täglichen Geschäft selten die Zeit, sich mit Innovationen zu beschäftigen. Wenn dann auch noch das technische Know How fehlt, sind sie schnell überfordert. Daher ist es umso wichtiger, dass Mitarbeitende geschult werden, die sich hauptsächlich mit der Digitalisierung befassen können. Hierbei ist das Problem häufig nicht die Akzeptanz und Bereitschaft mit neuen Lösungen zu arbeiten, sondern eher der Zugang. Es kommt vor allem auch darauf an, Zielgruppengerecht zu kommunizieren, um Missverständnisse zu vermeiden. 

Gerade Beschäftigte, die schon länger im Geschäft sind, sehen manchmal nicht die Notwendigkeit für einen Wandel. Ihrer Meinung nach ist es die letzten Jahrzehnte analog gut gelaufen, wieso sollte man das jetzt ändern? Doch die Gefahr, abgehängt zu werden, besteht bereits. Die großen Bauunternehmen haben sich längst auf Digitalisierung eingestellt, was den Wettbewerb verändern könnte, wenn die Kleineren nicht mithalten. 

Eine weitere häufig thematisierte Herausforderung, die mit der Digitalisierung einhergeht, ist die Eliminierung einer gewissen Wissensdifferenz, die oft zwischen Projektbeteiligten herrscht. Aus dieser Intransparenz wurde in der Vergangenheit gerne Profit gemacht, weshalb einer Offenlegung teilweise skeptisch gegenüber gestanden wird. Auch hier wird deutlich, wie wichtig der Bewusstseinswandel innerhalb der Branche ist, um zu mehr Partnerschaft und Kollaboration zu gelangen. 

Wie begegnet man diesen Herausforderungen? 

Ein positiver Trend ist schon zu sehen, vor allem bei Messen und Veranstaltungen rund um ConTech und PropTech, wo die Aufmerksamkeit und Teilnahme immer größer wird. Um dies noch weiter voranzutreiben, ist es wichtig, die Notwendigkeit und den Nutzen der Digitalisierung immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Den Unternehmen sollte gezeigt werden, dass die Zusammenarbeit mit Startups sinnvoll ist, und Vorbehalte, dass diese bspw. im nächsten Jahr nicht mehr am Markt sein könnten, unbegründet sind. Dies mit Zahlen konkret zu belegen ist allerdings noch schwierig, da die meisten Investitionen in Digitalisierung erst vor Kurzem getätigt wurden, sodass der Umfang der Rentabilität noch nicht sichtbar gemacht werden kann. Dennoch lässt sich sagen, dass bei der Größe des Markts und des Digitalisierungspotenzials der Bedarf eindeutig gegeben ist. Dies scheinen auch die Bauunternehmen immer mehr zu erkennen, denn die Bereitschaft zur Kollaboration steigt. Besonders die größeren Konzerne sind sehr interessiert, doch bis sich die Entwicklung bis zu den KMU und kleineren Nachunternehmen vollzogen hat, wird sicherlich seine Zeit dauern. Riethmüller stellt fest:

“Grundsätzlich ist es schon so, dass die Branche langsam aufwacht. Das sieht man allein schon an der Tatsache, dass das Interesse an Startups riesig ist. 2017 oder 2018 waren die Startups auf Messen in der hintersten Ecke untergebracht, wo sie keiner gesehen hat. Heute werden Startups von den Veranstaltern in die erste Reihe gestellt, um zu zeigen, wie innovativ man ist.”

Die Rolle der Plattformökonomie  

Innovation wird in den meisten Fällen als die Nutzung von Software verstanden, die auf dem Markt bereits angeboten wird, oder die Entwicklung eigener und zugeschnittener Lösungen. Probleme, die im Zuge der Implementierung von neuer Software bzw. der Konnektivität von bestehenden Lösungen genannt werden, sind unter anderem, dass der Informationsaustausch untereinander nur schwer möglich ist. Offene Schnittstellen, die IT Landschaften miteinander verbinden, sind aus verschiedenen Gründen essentiell. Zum einen können Unternehmen das Entstehen von Datensilos intern oder extern nur verhindern, wenn ein reibungsloser Informationsfluss gegeben ist und es sich nicht um Insellösungen handelt. Des Weiteren funktioniert Effizienzsteigerung durch Digitalisierung nur, wenn auch Nachunternehmen und andere Projektbeteiligte Zugriff auf die entsprechenden Daten haben. Da hier aktuell noch eine große Fragmentierung vorherrscht, ist dies nicht immer möglich. Zum anderen muss bei der Implementierung von neuen Lösungen bedacht werden, dass das Verarbeiten von Daten während der Planung und in der Bauphase nicht reicht. Auch darüber hinaus, in späteren Lebenszyklusphasen werden diese benötigt. Hier wird wieder die Überschneidung von ConTech und PropTech deutlich. Plattformen mit der Möglichkeit zur Schnittstellen übergreifenden Vernetzung, bieten auch auf lange Sicht die Möglichkeit zur Anpassung oder Erweiterung und stellen somit eine nachhaltig sinnvolle Investition dar. 

Corona und der ausgebliebene Digitalisierungsschub 

In vielen Industrien konnte beobachtet werden, wie die Pandemie zum Digitaliserungstreiber wurde. Home Office wurde weitgehend zur Pflicht und Unternehmen wurden gezwungen, Abläufe anzupassen und Daten online zugänglich zu machen. Diese Notwendigkeit war in der Baubranche nicht unbedingt gegeben, da weitestgehend normal weiter gearbeitet werden konnte und auch die Auftragslage stabil blieb. Trotzdem hat Covid 19 in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens zu mehr Digitalität geführt, führt Riethmüller an:

“Man konnte nicht mehr in Läden gehen, also musste man online bestellen. Oder man konnte nicht mehr essen gehen, sondern hat das online bestellt. Das ist quasi der kleinste gemeinsame Nenner an der Stelle.”

Damit ist das Thema Digitalisierung stärker in den Fokus gerückt. Doch laut Riethmüller blieb der erhoffte Schub in der Bauindustrie aus. Er nennt die in seinen Augen stärkeren Treiber für die Digitalisierung, die oft thematisiert werden: Fachkräftemangel und Ressourcenknappheit.

Ausblick: die Hebelwirkung der Technologisierung 

In der Vergangenheit wurde die Arbeit in der Baubranche eher mit großer körperlicher Anstrengung und Dreck assoziiert. Dadurch ist sie gerade für nachkommende Generationen, die sogenannten Digital Natives, eher unattraktiv. Der Trend geht zum Studium und weg von der Ausbildung, weshalb auch der Wandel in der Bauindustrie hin zur Technologisierung klar als Chance gesehen werden sollte. Somit kann die Digitalisierung in mehr als einer Hinsicht dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Sie sorgt nicht nur für eine Effizienzsteigerung und somit für eine Entlastung der Arbeitenden, sondern erhöht auch die Attraktivität für technikaffine Berufseinsteiger. Gerade junge Bauleiter:innen können an der Stelle zu Vorreitern werden, da sie offener gegenüber neuen Technologien und der Zusammenarbeit mit Tech Startups sind. Wenn diese durch Benutzung von Softwarelösungen  deren Mehrwert erkannt haben, wird es einfacher, den Rest des Unternehmens oder weitere Projektbeteiligten zu überzeugen. Viele Hochschulen bieten mittlerweile Studiengänge an, die Bauen und Technologie verbinden. Allerdings ist es aufgrund der schnellen Entwicklung wichtig, dass auch Unternehmen Ansätze bieten, um ihr Personal kontinuierlich zu schulen. Gleichzeitig werden Unternehmen, die bereit sind, sich mehr mit Technologie zu beschäftigen, attraktiver für Berufseinsteiger. Nachkommende Generationen, die mit Digitalisierung aufgewachsen sind, können so zu Treibern der Zusammenarbeit mit Startups werden.  

Veröffentlicht von

Berit Behler

17.5.2022

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